DQR – amputiert aber lauffähig

Was Politik und Sozialpartner nach ihrem gemeinsamen Auftreten am 31. Januar 2012 als Kompromiss zu verkaufen versuchten, war im Grunde das Scheitern einer klar vereinbarten Zielsetzung. Stets hatte die Bundesregierung betont, einen bildungsbereichsübergreifenden DQR schaffen zu wollen. Als es zur Nagelprobe kam und die Selbsteinschätzungen von involvierten Bildungsbereichen nicht mehr unter einen Hut zu bringen waren und ein „Kulturkampf Abitur gegen Lehre“ leichtfertig vom Zaun gebrochen wurde, ging es nur noch um Gesichtswahrung. Der BLBS hat zu Recht gefordert, dass es für die Akzeptanz und Glaubwürdigkeit eines DQR wesentlich ist, dass die Einordnung durch ein unabhängiges Expertengremium erfolgen muss. Die Schaffung einer nationalen Koordinierungsstelle für Zuordnungsfragen, wie sie für den künftigen Umsetzungsprozess des DQR auch vorgesehen ist, hätte von Anfang an auch die zentralen Vorentscheidungen verantwortlich treffen müssen.

Durch Ausklammerung der Abschlüsse ist eine große Chance verpasst worden, die Gleichwertigkeit von Allgemeinbildung und Berufsbildung nachlesbar zu dokumentieren. Wenn die Politik jetzt den Verzicht auf die Zuordnung der Schulabschlüsse von Hauptschule bis Gymnasium als sinnvollen Kompromiss verkaufen will, da diese Schulen „nur mittelbar auf einen Beruf vorbereiten“ würden, dann bedeutet dies, dass man sich bei der ursprünglichen Zielsetzung zu wenig gedacht oder sich überhoben hat. Der jetzt propagierte DQR ist ein amputierter DQR. Man kann ihn in Gang setzen wie einen Roboter, aber seine Strahlkraft ist gebrochen. Wer ihn nicht liebt, steigt aus oder erst gar nicht ein, das ist die Lehre.

Für die berufsbildenden Schulen bleiben viele Fragen offen. Die Zuordnung der vielfältigen, auf unterschiedlichen Kompetenzniveaus angesiedelten Qualifikationen der Berufsfachschulen wird jetzt nicht leichter. Der BLBS fordert daher, die Qualifikationsprofile aus berufsbezogenen und berufsübergreifenden Kompetenzen im vollen Umfang zu würdigen.

Wenn es am 31. Januar als Erfolg gefeiert wurde, dass der staatlich geprüfte Techniker und auch der Meister (im Zweifelsfall in dieser Reihenfolge) auf der Stufe 6 eingeordnet werden sollen, dann ist das stilistisch wenig überzeugend, da genau in dieser Frage schon vorher längst Einigkeit bestand. Dass dem so ist, ist allerdings wirklich ein Meilenstein für die Berufsbildung. Es ist nötig, in diesem Zusammenhang auch auf die Einordnung der Erzieherinnen auf Stufe 6 hinzuweisen, damit die Bedeutung dieses anspruchsvollen Berufes auch in der Öffentlichkeit betont wird.

Die Zuordnung der dualen Ausbildungsberufe ist jetzt politisch gesetzt. Es muss aber die Erwartung betont werden, dass die Bestätigung der Niveaustufe dualer Ausbildungsberufe nicht isoliert auf dem Kammerzeugnis ausgewiesen werden kann, da die in den Deskriptoren des DQR festgelegten Qualifikationsausprägungen keinesfalls nur durch die betriebliche Ausbildung erreicht werden. Die Fachkompetenzen und die personalen Kompetenzen werden wesentlich am Lernort Berufsschule erreicht. Es entspricht dem Grundansatz des dualen Systems, dass die zu bescheinigende Niveaustufe auf dem Berufsschulabschlusszeugnis und auf dem Prüfungszeugnis der Kammern bestätigt wird, z. B. durch den Zusatz „in Verbindung mit dem erfolgreichen Abschluss des (jeweils anderen Lernortes)“.

Die Niveaustufe 5 des DQR wird aus Sicht vieler Akteure der Tummelplatz für „geregelte“ berufliche Fortbildungsabschlüsse, die über die Kammern vergeben werden. Das damit verbundene Geschäftsmodell kann für sich schon kritisch gesehen werden, es darf aber keinesfalls die nachgewiesenen Ansprüche anderer Abschlüsse aus dieser Stufe verdrängen. So sind nach Überzeugung des BLBS, gestützt durch Expertisen aus der Erprobungsphase des DQR, auch weitere Berufe wie z. B. die bundesrechtlich geregelten Gesundheitsfachberufe mindestens auf Stufe 5 des DQR anzusiedeln.

Berthold Gehlert
Hinweis: Der Vorabtext dieses Leitartikels wurde am 24.2.2012 inhaltlich als Beschluss des Bundeshauptvorstandes des BLBS verabschiedet.