6. Weltlehrerkongress
Building the future through qualitiy education

Vom 22.-28. Juli 2011 fand in Kapstadt der 6. Weltlehrerkongress der Bildungsinternationalen (Education International, EI) statt. Etwa 1300 Delegierte, aus 396 Lehrerverbänden der ganzen Welt und aus allen Bildungsbereichen diskutierten sehr nachdrücklich die Folgen der Finanzkrise, die in vielen Teilen der Welt viel dramatischere Folgen als bei uns für Schülerinnen und Schüler und für die Lehrerinnen und Lehrer hat. Weitere Querschnittsthemen, die sich durch alle Diskussionen und Foren zogen waren Chancengleichheit und Abbau von Diskriminierung gegenüber Minderheiten. Das Gastgeberland Südafrika präsentierte sich gleichwohl bunt und fröhlich, machte aber auch auf seine Nöte aufmerksam. Eine besonders interessante Idee der Gastgeber war, die Delegierten um eine Bücherspende zu bitten. Unter dem Stichwort der „Equal Education“ will man damit in Südafrika Schulbüchereien aufbauen. Der BLBS war zusammen mit seinen Partnern aus Frankreich, Spanien und den türkischen Zyprioten wieder erfolgreich, die Berufsbildung auch zum Thema in der Weltorganisation zu machen.

Bild: BLBS in Kapstadt

Der BLBS war durch seinen Bundesvorsitzenden, Berthold Gehlert, und seinen Experten für Internationales, Knut Kraft, auf dem 6. Weltlehrerkongress vertreten. Die Vorbereitung auf dieses Treffen war langfristig angelegt, da es immer noch nicht leicht ist, die Berufsbildung innerhalb der EI wirkungsvoll und mit Nachdruck zu platzieren. Der BLBS hatte daher Knut Kraft bereits im Vorfeld beauftragt, seine Gespräche und vielseitigen Kontakte bei den verschiedenen internationalen Arbeitssitzungen zu nutzen, um die beim 5. Weltlehrerkongress in Berlin erreichte Aufmerksamkeit für die Berufsbildung auszubauen. Ein Ergebnis dieses Engagements ist sicherlich die Resolution „New Impact of Vocational Education and Training in each EI Region“, die vom BLBS, SNETAA-FO (Frankreich), von CSI-CSIF (Spanien) und KTOEOS (Zypern) gemeinsam ausgearbeitet und eingereicht wurde.

Zur Begründung betonte Berthold Gehlert, dass es den Antragstellern um Nachhaltigkeit und Effektivität geht, sowohl bei den Themen der Berufsbildung als auch bei ihrer Bearbeitung innerhalb der EI. Deshalb müsse die Berliner Resolution zur Berufsbildung weiterhin als Arbeitsprogramm der EI gelten. Da aber die Verflechtung der politischen, gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Verhältnisse in den EI-Regionen extrem unterschiedlich ist, werde in der neuen Resolution auch eine Optimierung der Organisations- und Arbeitsformen für den Berufsbildungsbereich gefordert. Konkret werde vorgeschlagen, die existierende „Global VET Taskforce“ durch einen regionalen Unterbau schlagkräftiger zu machen. Gehlert betonte, dass damit die globale Solidarität mit den in der Berufsbildung beschäftigten Lehrern nicht aufgegeben würde. Dies bleibe vielmehr oberstes Prinzip. Es gelte aber auch die Prinzipien von Effektivität und Effizienz stärker einzufordern. Da der Weltlehrerkongress auch einen starken Fokus auf die Armutsbekämpfung legt, appellierte Gehlert nachdrücklich: „Die Berufsbildung ist ein entscheidender Schlüssel zur Bekämpfung der Armut in der Welt. Erst durch Berufsbildung können viele Menschen sich ihren Lebensunterhalt selbst sichern. Nur durch Berufsbildung werden Staaten mit ihren Wirtschaften wettbewerbsfähig!“

Ganz im Sinne dieser Grundüberzeugung stand auch ein Treffen der BLBS-Vertreter  mit Dr. Jopie Breed, dem Präsidenten der Suid Afrikaanse Onderwysersunie (SAOU). Die südafrikanische Bildungsgewerkschaft SAOU ist dem BLBS nicht unbekannt. Dr. Breed hat das BLBS-Büro im Mai 2010 in Berlin besucht und will die Beziehungen zwischen dem BLBS und der SAOU zur zielgerichteten Weiterentwicklung seiner Gewerkschaftsarbeit in Südafrika für die Berufsbildung nutzen. So war es selbstverständlich, dass sich Berthold Gehlert und Knut Kraft, die Gelegenheit nicht nehmen ließen, „vor Ort“ mehr über die Situation und Perspektiven der Berufsbildung in Südafrika zu erfahren. Einige Aspekte aus dieser Aussprache sollen Probleme und Perspektiven schlaglichtartig beleuchten.
Wie so oft, brachte auch der positiv empfundene Politikwechsel (Überwindung der Apartheid) nicht in allen Lebensbereichen sofortige Verbesserungen. Vielmehr war zunächst ein steter Rückgang in der beruflichen Bildung zu beobachten. Motiviert durch die neue Freiheit, wollte jedermann gleich „Boss“ werden oder sein. Darunter litt die Bereitschaft, eine Ausbildung zum Arbeiter/Handwerker zu ergreifen. Als Folge davon ist ein großer Bedarf an qualifizierten Fachleuten entstanden und ein grundsätzliches Umdenken hat eingesetzt.
Derzeit arbeiten alle Verantwortlichen auf der nationalen Ebene, aber auch in den Provinzen intensiv daran, die Berufsbildung wieder zu etablieren. Die Finanzierungsprobleme verhindern aber schnelle Fortschritte. Berufliche Schulen sind derzeit nur in Ballungszentren vorhanden. Zugleich muss die Professionalisierung des Lehrpersonals tatkräftig in Angriff genommen werden.

Hier sieht die SAOU ihre besondere aktuelle Herausforderung. Immerhin ist sie die „Nummer 3“ der nationalen Lehrergewerkschaften und der beruflichen Bildung verpflichtet. Sie arbeitet in allen 9 Provinzen des Landes, ist Mitglied der Bildungsinternationalen und hat sich den Aufbau einer starken, qualitativ hochwertigen Berufsbildung als Arbeitsschwerpunkt gewählt. In der Lehrerbildung sieht sie einen entscheidenden Schlüssel zum Erfolg ihrer langfristig angelegten Gewerkschaftsarbeit. Bei der Entwicklung von Konzepten will der Präsident der SAOU nicht zuletzt auf die Beratung durch den BLBS setzen. Berthold Gehlert sagte zu, dass der BLBS mit seiner Erfahrung und den Modellen und Formen der Berufsbildung in Deutschland Unterstützung leisten will. Dieses Vorhaben sollte zunächst schriftlich ausgearbeitet werden, bevor eine südafrikanische Delegation sich entsprechende Einrichtungen der Berufsbildung mit den Fachleuten des BLBS ansehen wird.

Am Rande des Kongresses fanden aber selbstverständlich auch Gespräche mit unseren europäischen Partnergewerkschaften statt. Mit Jürgen Rainer von der GöD-Lehrer (Österreich) suchte der BLBS-Vorsitzende gezielt das Gespräch. Sein Vorschlag, gerade auch mit Blick auf die weiterführenden beruflichen Schulen den gewerkschaftlichen Austausch zu suchen fiel auf fruchtbaren Boden. Man war sich einig, dass auch hier die Lehrerbildung ein zentrales gemeinsames Anliegen ist. Außerdem geht es in Österreich wie in Deutschland darum, dass der berufliche Bildungsweg, ausgehend vom dualen System über die vollzeitschulischen und weiterführenden Bildungsangebote, als eigenständiger, Erfolg versprechender und planbarer Bildungsweg erhalten, ja ausgebaut werden muss. Noch im laufenden Kalenderjahr will man sich in Berlin treffen, um konkrete Formen der Zusammenarbeit zu besprechen.

Während des Kongresses fand erstmals eine offene Arbeitsgruppensitzung zur Berufsbildung an einem Weltlehrerkongress der EI statt. Allerdings war die Führung der sog. VET-Taskforce nicht gut vorbereitet, sodass der Gedankenaustausch und die Diskussionsbereitschaft das eigentlich positive Ergebnis darstellten. Eindrucksvoll waren die Schilderungen der Redner aus vielen nicht-europäischen Ländern, die erst die Beachtung der Berufsbildung anmahnen und um den Aufbau erster beruflicher Schulstrukturen ringen müssen.
Des weiteren wurde der von der VET-Taskforce schriftlich vorgelegte Tätigkeitsbericht zur Kenntnis genommen. Der Bericht verweist nicht nur auf die angefallenen Arbeitssitzungen sondern zählt in 31 Punkten auch Grundsätze und Ziele der internationalen Verbandsarbeit auf. Auf der BLBS-Homepage ist dieses Dokument eingestellt.

Bei den Wahlen für die EI-Spitze gab es zunächst keine Überraschungen, da für die zu besetzenden Positionen nur jeweils ein Personalvorschlag vorlag und auch jeweils angenommen wurde. Die EI wird auch in den nächsten 4 Jahren wieder von Susan Hopgood, Australien, als Präsidentin geführt. Spannend war die Wahl der weiteren Vorstandsmitglieder der Bildungsinternationalen über die sog. freien Sitze. Hier standen 13 Bewerber für neun Plätze zur Wahl. Ulrich Thöne (GEW) konnte seinen Wahlerfolg von Berlin nicht wiederholen, so dass Deutschland nun keinen Sitz mehr im innersten Kreis der EI hat.

Berthold Gehlert
Knut Kraft