Positionierung des BLBS zur Bildung von Berufsgruppen

Reformkonzepte in der beruflichen Bildung und der demografische Wandel haben zur Diskussion über Kernkompetenzen und Berufsgruppen geführt. In dieser berufsbildungspolitischen Situation positioniert sich der BLBS mit den nachfolgenden Grundsätzen:

1. Die Bildung von Berufsgruppen ist eine Aufgabe der Ordnungspolitik und der Curriculumentwicklung!

Die Bildung von Berufsgruppen ist grundsätzlich eine ordnungspolitische Aufgabe, die nach den rechtlichen Abläufen wie bei der Neuordnung von Berufen zu erfolgen hat. Sie muss auf gründlichen und wissenschaftlichen Analysen beruhen, um nicht nur kurzfristige ad hoc Entscheidungen über lediglich postulierte Gemeinsamkeiten von Berufen zu treffen. Die Vergleiche der bestehenden Ordnungsmittel und Lehrpläne allein im Sinne von Textanalysen entsprechen einem solchen Anspruch nicht, vielmehr muss auf der Grundlage einschlägiger Kriterien der Curriculumentwicklung die Berufswirklichkeit und die sie bestimmenden Arbeitsprozesse bei der Identifikation gemeinsamer Kernkompetenzen eine entscheidende Rolle spielen. Dabei dürfen nicht nur in tradierter Weise die fachlichen Kompetenzen in den Blick genommen werden, sondern auch die personalen und sozialen Kompetenzen.

2. Zur Sicherung der Beruflichkeit brauchen Berufsgruppen ein curriculares Konzept von Differenzierung und Modularisierung!

Wenn in Berufsgruppen auf Kernkompetenzen abgestellt wird, so ergibt sich aus der Logik dieses Ansatzes, dass die den Einzelberuf prägenden speziellen Kompetenzbündel mit Maßnahmen der Differenzierung und Modularisierung zu verbinden sind. Aus berufspädagogischer Sicht muss diese Spezialisierung zwar behutsam erfolgen, darf jedoch keinesfalls zu spät einsetzen. Im Idealfall ist sie während der gesamten Ausbildungszeit didaktisch-curricular vernetzt anzubieten. Im Regelfall ist sie spätestens nach dem ersten Ausbildungsjahr nachhaltig anzubahnen. Wenn mit der Berufsausbildung auch eine berufliche Identität gestiftet werden soll, muss dieser Prozess frühzeitig angebahnt werden.

3. Berufsgruppen zielen nicht allein auf die gemeinsame Beschulung verschiedener Berufe aus schulorganisatorischen Gründen!

Die Sicherung von Berufsschulstandorten ist nicht nur legitim, sondern auch notwendig. Dabei geht es darum, die Ausbildungsbereitschaft der regionalen Betriebe zu stärken, Arbeitsplätze zu erhalten, kommunalpolitische Erwartungen zu erfüllen und den ländlichen Raum zu stärken.
Dabei gilt es aber auch, die Balance zu halten zwischen strukturpolitischen Überlegungen und den hohen Ansprüchen des dualen Ausbildungssystems. Betriebe sind bekanntlich nicht primär pädagogische Einrichtungen, deshalb müssen die Berufsschulen zur Sicherung des Ausbildungserfolges ihren Anspruch als Kompetenzzentren in der Region ohne Abstriche aufrecht erhalten. Das bedeutet, dass die in den Ausbildungsordnungen und vor allem in den Richtlinien und Lehrplänen des berufsschulischen Unterrichts geforderte Tiefe und Breite der fachlichen und berufsübergreifenden Kompetenzen nicht zur Disposition stehen. Betriebsortsnahe Beschulung ist daher keinesfalls das einzige Kriterium bei schulorganisatorischen Entscheidungen.
Wenn die Schuladministration nur Schüler zählt oder Wünsche von Betrieben und Institutionen erfüllen will, muss sie nicht lange darauf warten, dass ihr genau dieses zum Vorwurf gemacht wird. Qualität ist letztlich immer der entscheidende Prüfstein.

4. Berufsgruppenkonzepte, die die fachliche Spezialisierung überwiegend den Betrieben überlassen wollen, sind abzulehnen!

Der in einigen Branchen reklamierte Bedarf an kompakten Qualifikationsprofilen darf nicht als Türöffner für weniger professionelle Ausbildung missverstanden werden.
Ebenfalls abzulehnen sind alle Konzepte, die unter dem Stichwort Berufsgruppen das Strukturmodell der dualen Ausbildung nur noch auf eine weit gefasste Grundbildung reduzieren möchten und spezielle Ausbildungsinhalte dem Lernort Betrieb zuweisen wollen. Vielmehr gilt es, die berufliche Bildung von einzelbetrieblichen Spezialisierungen weitgehend zu entkoppeln, um auch die Voraussetzungen für ein gelingendes lebensbegleitendes Lernen zu schaffen.

Beschluss des Bundeshauptvorstandes des BLBS
Stuttgart/Esslingen, 26.2.2011